Eine Geschichte in Virtual Reality ist wie eine Geisterbahnfahrt

Internationales Trickfilmfestival Stuttgart

FMX 2.-7. Mai 2017

Eine Postkarte von Christian Gasser

 

Keine Frage, Virtual Reality ist das alles beherrschende Thema an der diesjährigen FMX: Viele Präsentationen, Referate, Panels, Demonstrationen etc. umkreisten das Thema; das Thema tauchte aber ständig auch in informellen Gesprächen auf.

Natürlich ging es viel um technische Fragen: Wo steht VR heute? Was kann sie? Wohin geht sie? Was ist möglich? Was wären Alternativen zu diesen doofen klobigen Brillen?

Aber auch inhaltlich wurde rege diskutiert: Wie erzählt man VR-Geschichten? Erzählt man die gleichen Geschichten anders? Erzählt man andere Geschichten? Oder geht es in der virtuellen Realität weniger um Geschichten als um neue Formen sensorieller Erfahrungen?

Aus diesem Wust an Gesprächen, Aussagen, Meinungen, Behauptungen, Visionen und skeptischen Einwürfen habe ich ein paar Zitate zusammengetragen, die die laufende Diskussion abbilden:

 

Peter Lord (Aardman): “Ich finde die Möglichkeiten der Virtual Reality faszinierend und aufregend – es ist eine neue Frontier, eine Zeit der Entdeckungen und Pioniere.”

Jan Pinkava (ex-Pixar, ex-Laika, Google Spotlight): “Der soziale Aspekt der virtuellen Realität ist ein Problem, und das nicht nur weil die Gläser so hässlich sind: Man beschliesst, sich von der Gruppe abzukapseln.”

Astrid Kahmke (Head of VR Creators’ Lab): “Virtual Reality ist keine neue Technologie, sondern ein neues Medium. Im Moment sind wir noch daran, die Möglichkeiten dieses Mediums zu erforschen.”

Peter Lord: “Auch in der VR geht es in unseren Augen um Charaktere und Storytelling, um Emotionen – auch wenn man sie als Zuschauer anders erlebt.”

Jessica Brillhart (Google Spotlight): “I want to craft a place where somebody else can discover a story.”

Jan Pinkava: “Die Beziehung zwischen Autor und Zuschauer ist essentiell. Man muss etwas schaffen, das das Publikum berührt. Als Autor hat man immer eine Intention, eine Absicht, man will immer eine Aussage machen – und man will sie dem Zuschauer vermitteln. Die Technik allein reicht nicht aus; die Ästhetik und der Inhalt sind wichtig, um das Publikum zu berühren.”

Astrid Kahmke: “Ein altes Medium in die virtuelle Realität zu zerren, ist wie der Versuch, eine 16:9-Leinwand in ein rundes Loch zu stopfen. Die Quadratur des Kreises. Das kann nicht funktionieren. In Virtual Reality muss der User seinen Standpunkt selber wählen und mitentscheiden können. Die Interaktion ist essentiell für die Immersion.”

Vanessa Labarthe (VR Project Manager Animation Studio Folimage): “Für unsere erste VR-Serie Amnesia verzichten wir noch auf Interaktivität. Unsere Geschichte ist linear, aber der Zuschauer ist eine Figur im Film. Er ist Teil der Handlung, wird angesprochen und kann antworten. In einem Animationsfilm akzeptiert der Zuschauer eher, in eine Figur zu schlüpfen, als in einem Realfilm.”

Astrid Kahmke: “Statt in Stories, Drama, Genres zu denken, sollten wir die virtuelle Realität als Raum für neue sensorielle Erfahrungen verstehen, Erfahrungen, die alle unsere Sinne ansprechen.”

Jan Pinkava: “Eine Geschichte in Virtual Reality ist ähnlich wie eine Geisterbahnfahrt: Man sitzt im Wagen, wird gefahren, und zwischen den wichtigen Momenten, den Schlüsselmomenten, entscheidet man selber, wohin man schaut. Als Autor finde ich es aber essentiell, dass der Zuschauer diese Schlüsselmomente in der von mir als sinnvoll bestimmten Abfolge sieht. Sonst macht die Geschichte keinen Sinn.”

Astrid Kahmke: “Je mehr Zeit jemand in der virtuellen Realität verbringt, desto weniger akzeptiert er, von jemand anders manipuliert zu werden. Er will diese Welten selber entdecken. Der Filmemacher muss die Kontrolle über seine Arbeit abgeben.”

Fred Baus (CEO Virtelio): “Die Interaktivität soll unbewusst stattfinden. Der Zuschauer soll gar nicht merken, dass er Einfluss auf das Geschehen nimmt. Erst im Gespräch mit anderen Usern desselben Films findet er heraus, dass er nicht denselben Film gesehen hat. Das wird ihn anregen, sich den Film nochmals anzusehen – und durch ein anderes Verhalten, durch ein anderes Schauen tatsächlich eine andere Erfahrung machen.”

Jan Pinkava: “Es ist schwierig genug, eine gute Geschichte zu schreiben. Und nun soll man in interaktiven Projekten gleich 25 Geschichten für eine einzige Erfahrung entwickeln?”

Fortsetzung folgt …

 

Zusammengetragen von Christian Gasser

 

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