Ödipus für Kinder: Vier grosse Animationsfilm-Regisseure im Gespräch

Internationales Trickfilmfestival Stuttgart

FMX 2.-7. Mai 2017

Eine Postkarte von Christian Gasser

 

Am Mittwoch 3. Mai fand an der FMX 2017 ein Panel mit vier grossen Regisseuren des Animationsfilms statt:

Kelly Asbury (USA, “Shrek 2”, “Gnomeo & Juliet”, “Die Schlümpfe: Das verlorene Dorf”)

Peter Lord (UK, Gründer Aarman Studios)

Hugh Welchman (UK/PL, “Loving Vincent”)

Claude Barras (CH, “Ma vie de Courgette”)

Nachfolgend eine Collage mit ein paar besonders auffälligen Aussagen der vier:

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Peter Lord: “Die Magie der Animation habe ich entdeckt, als ich zum ersten Mal animierte. Seither bin ich der Animation verfallen.”

Kelly Asbury: “Du musst Film lieben. Diese Leidenschaft muss dich antreiben. Ich habe mit fünfzehn Disney einen Brief geschrieben: Ich will bei Euch arbeiten. Zu meiner grossen Überraschung erhielt ich eine Antwort: Schreib uns nicht mehr, besuch lieber eine Kunstschule …”

Peter Lord: “Unsere Anfänge als 2D-Animatoren waren grauenhaft. Stellt Euch eine Pyramide des 2D-Films vor: An der Spitze steht Disney. Ganz unten waren wir. Deshalb wandten wir uns der Claymation zu: Da hatten wir keine Konkurrenz und waren unsere eigene Pyramide …”
Claude Barras: “Unser bescheidenes Budget zwang uns zu Vereinfachung. Das hatte natürlich auch sein Gutes. Einfachheit ist jedoch eine sehr schwierige Kunst. Man muss ein gutes Gleichgewicht finden zwischen den finanziellen Beschränkungen und der künstlerischen Vision.”

Hugh Welchman: “Hat nicht Picasso gesagt: Beschränkungen befreien den Künstler?”

Claude Barras: “Wir wollten die Emotionen in den Mittelpunkt stellen, deshalb gaben wir den Kinder grosse Köpfe. So kommen wir näher an sie heran, die Zuschauer, aber auch die Animatoren. Für sie war es eine ganz neue Erfahrung, die Köpfe mit ihren Händen zu bearbeiten.”

Kelly Asbury: “In unserer Welt ist die Empathie das Wichtigste, ob in einem Featurefilm, in VR oder in einem Werbefilm. Um diese Empathie zu erreichen, brauchst Du eine gute Performance.”

Peter Lord: “Auch in der VR geht es in unseren Augen um Charaktere und Storytelling, um Emotionen – auch wenn man sie als Zuschauer anders erlebt als im klassischen Film. Ich finde die Möglichkeiten der VR faszinierend und aufregend –wir erleben eine neue Frontier, eine Zeit der Entdeckungen und Pioniere.”

Hugh Welchman: “A propos Virtual Reality: Meine Frau und ich lebten fünf Jahre in unserem Film ‘Loving Vincent’. Wir arbeiteten mit über 100 Malern, die 65’000 Ölgemälde im Stil van Goghs malten. Das war auch eine Form von Virtual Reality. Der Schock war gross, als der Film beendet war – wir fanden uns im richtigen Leben überhaupt nicht mehr zurecht.”

Peter Lord: “Die schlechte Nachricht ist: Es gibt derzeit zu wenig wirklich gute Stop-Motion-Animatoren für Feature-Filme. Die gute Nachricht: Immer mehr junge Menschen interessieren sich ernsthaft für diese Techniken.”

Claude Barras: “Ich möchte weiterhin Filme für Kinder machen, in denen ich gesellschaftliche Themen anspreche. Mein Traum ist es, eines Tages eine Ödipus-Verfilmung für Kinder zu realisieren. Eine verrückte Idee, ich weiss, aber ich arbeite daran …”

Zusammengetragen von Christian Gasser

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